Die Eingewöhnung von Kindern unter drei Jahren erfordert besonderes Fachwissen. Die Bindungsforschung liefert klare Hinweise, wie dieser sensible Übergang gelingen kann.
Wissenschaftliche Grundlagen
Bindungstheorie
John Bowlby und Mary Ainsworth zeigten: Kinder brauchen sichere Bindungen zu wenigen, verlässlichen Bezugspersonen. Diese Bindungen sind überlebenswichtig und prägen das gesamte spätere Beziehungsverhalten.
Innere Arbeitsmodelle
In den ersten Lebensjahren bilden Kinder innere Vorstellungen davon, wie Beziehungen funktionieren. Eine gelungene Eingewöhnung vermittelt: Trennungen sind auszuhalten, neue Beziehungen sind möglich, die Welt ist sicher.
Stressforschung
Längere Trennungen ohne sichere Bezugsperson erhöhen den Cortisolspiegel (Stresshormon). Chronisch erhöhter Stress in der frühen Kindheit kann langfristige Auswirkungen haben.
Was die Forschung für die Praxis bedeutet
Beziehung vor Funktion
Die Beziehung zur Bezugspädagogin muss aufgebaut sein, bevor sie pflegerische Aufgaben (Wickeln, Füttern) übernimmt. Nicht umgekehrt.
Eltern als sichere Basis
In der Anfangsphase brauchen Kinder die Anwesenheit einer vertrauten Person, um sich auf Neues einlassen zu können. "Exploration from a secure base."
Individuelle Unterschiede
Kinder unterscheiden sich in Temperament und Vorerfahrungen. Manche brauchen länger, manche kürzer. Starre Zeitvorgaben sind kontraindiziert.
Qualitätskriterien für die Eingewöhnung
Strukturelle Qualität
- Maximal 2-3 Eingewöhnungen gleichzeitig
- Anfangs feste Bezugspädagogin
- Ausreichend Zeit (keine Deadlines)
- Ruhige Räume möglich
Prozessqualität
- Feinfühlige Interaktion
- Eltern als Partner
- Täglicher Austausch
- Dokumentation
Phasen und Signale
Grundphase
Ziel: Kennenlernen, erste Kontaktaufnahme durch Fachkraft
Signale für Fortschritt:
- Kind nimmt Blickkontakt auf
- Kind zeigt Interesse an Material
- Kind nähert sich der Fachkraft
Trennungsphase
Ziel: Kurze Trennungen erproben, Reaktion beobachten
Entscheidend: Lässt sich das Kind von der Fachkraft trösten?
- Ja → Stabilisierungsphase kann beginnen
- Nein → Grundphase verlängern
Stabilisierungsphase
Ziel: Beziehung festigen, Trennungszeiten ausdehnen
Signale:
- Kind lässt sich versorgen
- Kind zeigt Freude beim Wiedersehen
- Kind exploriert aktiv
Integration
Ziel: Normaler Alltag, Kind ist Teil der Gruppe
Professionelle Haltung
Feinfühligkeit zeigen
- Signale des Kindes wahrnehmen
- Richtig interpretieren
- Angemessen reagieren
Geduld haben
- Nicht drängen
- Rückschritte akzeptieren
- Tempo des Kindes respektieren
Mit Eltern kooperieren
- Täglicher Austausch
- Keine Vorwürfe bei längerer Eingewöhnung
- Elternsorgen ernst nehmen
Herausforderungen
Zeitdruck
Manche Eltern müssen schnell arbeiten. Professionell: Auf Risiken hinweisen, Kompromisse suchen, aber Qualität nicht aufgeben.
Schwierige Kinder
Manche Kinder zeigen Distress (ruhig bleiben, aber innerlich gestresst). Genau beobachten!
Eltern mit eigenen Ängsten
Elternängste übertragen sich. Unterstützung anbieten, nicht verurteilen.
Dokumentation
Was dokumentiert werden sollte:
- Verlauf der Eingewöhnung
- Besondere Vorkommnisse
- Strategien, die funktionieren
- Fortschritte und Rückschritte
Fazit
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse sind eindeutig: Beziehungsorientierte, individuell angepasste Eingewöhnung ist keine Luxusoption, sondern fachlicher Standard. Sie schützt Kinder und schafft die Grundlage für gelingende außerfamiliäre Betreuung.
Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Transitionen. Weitere Artikel: Fachwissen für Fachkräfte